Alfredo Häberli im CityNEWS-Interview: Die Küche ist die Seele des Hauses

CityNEWS im Interview mit Designer Alfredo Häberli. copyright: Helge Ferbitz
CityNEWS im Interview mit Designer Alfredo Häberli.
copyright: Helge Ferbitz

Wäre er nicht Designer geworden, hätte Alfredo Häberli sicherlich einen Beruf wie den des Architekten oder Ingenieurs ergriffen und mit architektonischen Mitteln die Grenzen des physikalisch Machbaren ausgelotet. Vielleicht wäre er aber auch Koch geworden, denn der sinnesfreudige Schweizer ist im gastronomischen Familienbetrieb seiner Eltern groß geworden.

Für das parallel zur imm cologne vom 14. bis 20.01.2019 stattfindende Küchen-Event LivingKitchen in Köln wurde der Schweizer Designer nun eingeladen, seine Vision von einer Küche der Zukunft zu gestalten. Und so entwickelte er für die Messe in Köln die Future Kitchen “Sense & Sensuality” im Rahmen einer Sonderausstellung. Als zentraler Raum eines ganzheitlichen Wohnensembles dient sie laut Häberli auch in Zukunft als wichtiges Bindeglied für das soziale Leben und ist die Seele des Hauses. Die zum Teil weit nach vorne gedachte Küchenausstattung werden die Messebesucher in Halle 4.1 auf 160 Quadratmeter per Augmented Reality vor Ort erleben können. Ein spannender Ausblick auf die Entwicklungen im Küchendesign.

Im Interview mit CityNEWS erläutert der in Argentinien geborene Star-Designer, warum die Küche so wichtig ist für unsere Wohnkultur, und verrät, welche Faktoren künftige Küchenkonzepte berücksichtigen müssen.

Design ist vielmehr eine Haltung

Alfredo Häberli: Die Küche ist das Bindeglied copyright: Helge Ferbitz
Alfredo Häberli: Die Küche ist das Bindeglied
copyright: Helge Ferbitz

CityNEWS: Herr Häberli, Sie haben eine besondere Beziehung zur Küche. Nun entwerfen Sie für die LivingKitchen ein ganzheitliches Raumensemble mit Zukunftscharakter, mit der Küche im Zentrum. War das für Sie also ein Heimspiel?

Alfredo Häberli: Für mich ist die Anfrage der Messe natürlich eine Ehre; gleichzeitig versetzt sie mich zurück in die Kindheit, weil ich in Restaurant und Hotel aufgewachsen bin. Ich habe mehr Zeit in der Küche verbracht als im Wohnzimmer. Für mich ist diese Situation, bei der ich quasi aus der Vergangenheit in die Zukunft schaue, enorm spannend.

CityNEWS: Was wird denn in Zukunft in der Küche wirklich wichtig sein?

Alfredo Häberli: Für mich hat die Küche als Seele des Hauses, eigentlich als Feuerstelle, um die man drum herum sitzt, eine starke soziale Komponente. Zum anderen wird aber auch die Idee des Degrowth, also von der Reduzierung des Wachstums und der Zurückbeschränkung auf Wichtiges, ein ganz zentrales Thema sein. Erste Auswirkungen sehen wir derzeit in verschiedenen Bereichen der Mobilität insbesondere in Verbindung mit der Sharing-Idee: also dem Teilen. Und ich glaube, das wird auch die Küche tangieren.

Natürlich wird auch das Design meiner Überzeugung nach immer eine wichtige Rolle haben. Ich denke aber auch, dass wir heute nicht mehr über Design reden müssen, weil es Teil von einem Prozess ist. Dabei ist gar nicht mal so sehr das Ästhetische – also das Verschönern – der entscheidende Punkt. Design ist vielmehr eine Haltung, und die wird immer wichtiger und auch stärker.

Mit Freunden ein gemeinsames Essen zuzubereiten, wird der wahre Luxus der nahen Zukunft sein, so Alfredo Häberli

Mit Freunden ein gemeinsames Essen zuzubereiten, wird der wahre Luxus der nahen Zukunft sein, so Designer Alfredo Häberli.
copyright: Helge Ferbitz

CityNEWS: Welche Möglichkeiten eröffnen sich für die Gestaltung im Küchenbereich?

Alfredo Häberli: In der Küche ging es design-technisch in den letzten Jahren ja hauptsächlich um die Ästhetik des Ganzen, ums Verstauen und um die Integration von Geräten. Das sind sehr komplexe Anforderungen, wodurch sich aktuelle Entwicklungen gegen einen relativ festen formalen Kanon durchsetzen müssen und weniger dynamisch verlaufen. Doch hier gibt es jetzt eine große Offenheit für Veränderungen. Auch aufgrund neuer Technologien. Auf einmal kann der Designer ganz neue Vorschläge machen.

CityNEWS: Welche Herausforderungen stellen sich dem Design bei der Aufgabe, die Küche räumlich und funktional den heutigen und künftigen Bedürfnissen anzupassen?

Alfredo Häberli: In den letzten Jahrzehnten hat sich die Küche stark verändert. Sie hat sich geöffnet zu allen Wohnräumen und Raumsituationen. Wir sehen auch Tendenzen, die Küche als Schutzzone zu begreifen, in der man sich vor allem wohlfühlen können soll, beim Kochen, beim Anrichten, beim Essen. Gleichzeitig haben wir die Küche unter der Woche und am Wochenende – und die übernehmen ganz verschiedene Funktionen!

Am Wochenende hat man mehr Zeit, man agiert bewusster beim Anrichten und beim Essen im sozialen Umfeld, mit der Familie und mit Freunden. Unter der Woche geht man damit ganz anders um. Wenn das Zubereiten des Essens nur noch auf das Bereitstellen von Nahrung reduziert wird, sollte die Küche der Zukunft den Rahmen zur Erhaltung der Sinnlichkeit bereitstellen. Mit Freunden ein gemeinsames Essen zuzubereiten, wird der wahre Luxus der nahen Zukunft sein. Zudem wird die Küche das Spannungsmoment vom Analogen zum Digitalen künftig noch viel stärker aufnehmen.

Die Küche ist das Bindeglied

copyright: Alfredo Häberli Design Development

CityNEWS: Inwieweit wird sich die Rolle der Küche als Familienmittelpunkt angesichts des allgemeinen Trends zur Individualisierung verändern?

Alfredo Häberli: In meiner Vorstellung war die Küche immer das Bindeglied. Dazu gehört für mich auch der Esstisch. Hier wird das Essen angerichtet, gespielt, Hausaufgaben gemacht. Für mich ist die Küche unmittelbar angedockt an diesen Tisch, ist zentraler Ort und Angelpunkt des Wohnens und wird es auch bleiben. Der Mensch hat das Bedürfnis, sich auszutauschen, zu reden, menschlich zu sein. Wir sind keine Einzelgänger. Das ist wichtig und ich glaube, wir Menschen sind nicht gemacht, allein zu sein. Und meine Zukunftsküche wird das auch nicht unterstützen.

CityNEWS: Was möchten Sie den Besuchern mitgeben, wenn sie auf der LivingKitchen durch Ihre Zukunftsküche gehen?

Alfredo Häberli: Ich würde ihnen sagen wollen: Es gibt keine Eile. Aber dafür gibt es Zeit.