CityNEWS im Interview mit Cassia und Christoph Kuckelkorn

 / copyright: CityNEWS/ Roman Hallier
Cassia und Christoph Kuckelkorn
copyright: CityNEWS/ Roman Hallier

CityNEWS im Gespräch mit Christoph Kuckelkorn, seines Zeichen Leiter des Rosenmontagszuges, Vize-Präsident im Festkomitee, sowie stadtbekannter Bestatter in einer langjährigen Familiendynastie und Cassia Kuckelkorn, die starke Frau an seiner Seite.

CityNEWS: Herr Kuckelkorn durch ihre zahlreichen Tätigkeiten haben Sie einen vollen Kalender. Wie sieht Ihr normaler Tagesablauf aus?

Christoph Kuckelkorn: Der ist schon relativ prall und fängt an damit, dass ich versuche, mir zwei bis dreimal pro Woche die Zeit zu nehmen, um morgens zum Sport zu gehen. In der Regel klingelt der Wecker um 5:45 Uhr und dann geht es ganz in Ruhe mit einem gemütlichen Frühstück in den Tag. Das ist so dann wirklich der Idealtag. Im Moment gibt es eine ganz klare Abgrenzung zwischen Karneval und dem Beruf, nicht immer die Abgrenzung zur Familie, die muss manchmal darunter leiden.

Im Karneval ist es dann aber tatsächlich so, dass man mehrfach am Tag zwischen den verschiedenen Rollen umschalten muss und so morgens erst mal ins Büro fährt, dort die Mitarbeiter einteilt, am Vormittag dann irgendeinen Empfang im Rathaus hat. Mittags ist man dann wieder Bestatter auf dem Friedhof und nachmittags karnevalistisch unterwegs. Abends kommt man noch einmal kurz in die Firma um sich später letztlich ganz dem Karneval zu ergeben und noch später wieder zur Familie zu kommen.

“Für mich ist Köln der Mittelpunkt der Welt!”

CityNEWS: Frau Kuckelkorn hätten sie gerne etwas mehr gemeinsame Zeit ihrem Mann?

Cassia Kuckelkorn: Ich habe viel von meinem Mann, denn wir arbeiten ja in der Firma zusammen. Wenn er im Festkomitee ist, dann sehen wir uns nicht so häufig, besprechen abends aber viel und feiern auch oft gemeinsam.

CityNEWS: Herr Kuckelkorn, wie vereinen sich ihre beiden Tätigkeiten?

Christoph Kuckelkorn: Viele denken ja immer, dass der Beruf genau das Gegenstück zu meinem karnevalistischen Engagement sei, aber das ist genau nicht der Fall, denn beides ist eher eine logische Fortsetzung. In meinem Beruf organisiere ich Feste. Es ist nicht immer ein positives Fest, welches wir da ausrichten, es ist eher negativ besetzt. Trotzdem organisieren wir Blumen, Autos, Einladungen, Essen, Dekoration etc. und das muss alles schon beim ersten Mal in einem zu 100 Prozent abgesicherten Ablauf funktionieren.

Das ist bei einer Beerdigung genauso wie beim Karneval. In beiden Fällen kann man nicht wie ein Handwerker sagen: “Wir bauen morgen die Badewanne nochmal aus und setzen eine neue Wanne rein.” Beim Kölner Rosenmontagszug sind wir immer live drauf und dann kann man eben nicht sagen: “Okay, das war noch nicht so gut, das machen wir am Karnevalsdienstag noch einmal.” Alles muss beim ersten Mal mit viel Sicherheit geplant sein und hat viel mit Organisation und Kreativität zu tun. So ist beides zusammen eher eine logische Konsequenz.

CityNEWS: Man sieht an ihrem Bestattungsinstitut, dass sie ungewöhnliche Wege gehen. Es sieht hier nicht aus wie in anderen Bestattungshäusern.

Christoph Kuckelkorn: Unsere Bereiche sind ganz bewusst sehr unterschiedlich gestaltet. Die Leute kommen mit sehr schlechten Gefühlen hier her und da möchten wir einen Raum bieten, der ansprechend und modern ist. Dieser alte Mief, der in vielen Institutionen noch zu Hause ist, soll gar nicht erst aufkommen. Viel Licht und Transparenz ist uns sehr wichtig und in den Abschiedsräumen wird es dann eher wohnzimmerartig. Dort, wo die Menschen am offenen Sarg von ihren Verwandten Abschied nehmen, sollen wieder andere Emotionen angesprochen werden – es soll sehr warm sein, in etwa wie es zu Hause ist.

“Dies ist eine Motivation, die uns bei unserer positiven Grundeinstellung sehr hilft.”

CityNEWS: Wenn man wie sie beide den ganzen Tag mit Trauer zu tun hat, kann man dann zu Hause, auch bei den Kindern, einfach so umschalten?

Cassia Kuckelkorn: Wir haben ja nicht mit Trauer zu tun, sondern mit Menschen. Das ist etwas ganz positives und stärkt ungemein. Wirkliche Trauer haben die Menschen, die jemanden verloren haben und den Menschen helfen wir. Das ist etwas ganz anderes.

Christoph Kuckelkorn: Schreckliche Bilder sehen und erleben wir täglich, aber wir haben immer eine positive Intention. Wir helfen den Menschen und treffen sie auch oft zu unserer Jahresgedenkfeier wieder. Das schönste Kompliment ist, wenn dort jemand mit einem neuen Partner erscheint, so dass man selber das innere Gefühl hat, etwas Gutes bewirkt zu haben. Man sieht, dass derjenige wieder im Leben steht, woran man selber dann vielleicht auch ein bisschen zu beigetragen hat. Dies ist eine Motivation, die uns bei unserer positiven Grundeinstellung sehr hilft.

CityNEWS: Herr Kuckelkorn, Sie haben einmal in der “Zeit” gesagt, dass die Planung einer Bestattung und die eines Rosenmontagszuges im Prinzip das Gleiche sei. Wie ist das zu verstehen?

Christoph Kuckelkorn: Bei großen Bestattungen ist es sogar personell dasselbe. Da sind auch die Polizei und das Ordnungsamt mit dabei. Bei der Planung muss man sehr detailliert, mit viel Pedanterie und mit 200 prozentiger Sicherheit vorgehen. Wenn zum Beispiel der Leichenwagen auf der Domplatte auf den Sarg wartet, der gleich aus dem Dom kommen wird, steht auf der Hohen Straße ein zweiter Wagen bereit, falls der Erste einen Unfall hat.

Genauso ist es auch beim Rosenmontagszug, wo es Reservetraktoren gibt, die sofort einscheren und übernehmen können. Kreativität ist für mich die Kür, die im Karneval, im Rosenmontagszug und aber auch in der Bestattungsbranche gefragt ist. Viele Familien kommen zu uns und haben gar keine rechte Vorstellung davon wie man eine Bestattung ausrichten kann. Dann liegt es am Feingefühl des Beraters, herauszufinden, um welche Persönlichkeit es sich hier handelt, wie man diese bei der Trauerfeier über Musik, über Dekoration oder einen bemalten Sarg herausarbeiten kann. Hier ist eine Menge Kreativität gefragt, da kann man sich genau so ausleben wie im Karneval.

Mein großes Handicap ist da eher die Terminplanung. Hier steht mir meine Frau ganz besonders bei, die mich perfekt organisiert und über dieses Defizit hinweghilft.

CityNEWS: Das Motto für die kommende Session ist ja “In Kölle jebützt!“. Auf was dürfen wir uns da freuen?

Christoph Kuckelkorn: Das Motto, das werden viele Kölner schon feststellen, ist nicht mehr so ein beliebiges, das sich an irgendwelchen Jubiläen oder an besonderen Aktionen eines bestimmten Jahres festmacht. Wir versuchen hier auch ein bisschen Strategie zu betreiben. Das heißt, ob wir wie im letzten Jahr versuchen, eine Verbindung zwischen Karneval und Kultur – oder wie in diesem Jahr – ein Einigkeitsgefühl zu schaffen, ist eine Art, das Kölner Selbstbewusst sein zu stärken.

Mit dem neuen Motto sollen auch Menschen über Köln hinaus angesprochen werden, und eingeladen sein, sich hier von Köln küssen zu lassen. Es wird außerdem viele Überraschungen geben – auch im Zug – aber mehr kann ich dazu noch nicht verraten.

“Wir hätten keine Scheu, den Zug abzusagen oder Alternativen zu suchen, könnte man nicht dafür garantieren, dass so etwas nicht mehr passiert …”

CityNEWS: Eine Neuerung, die es nach dem Einsturz des Stadtarchivs ganz sicher geben wird, ist ein neuer Zugweg.

Christoph Kuckelkorn: Ja, da die Bau- und die Stadtverwaltung immer noch nicht wissen, ob die Strecke bis dahin wieder passierbar ist oder nicht, haben wir uns dazu entschlossen, einen anderen Weg zu gehen. Sonst würden wir auch mit der Planungsarbeit nicht vorankommen. Wenn ein Standort wegfällt, dann muss man auch vernünftige Alternativen finden. Insofern war in diesem Punkt eine Entscheidung wichtig, diese wurde gefällt und nun wird es über die Löwengasse und über die Bäche gehen.

CityNEWS: Wie fühlt man sich, wenn ein solches Unglück passiert und man selber nur wenige Tage zuvor noch über die Strecke gefahren ist?

Christoph Kuckelkorn: Das war ein wirklicher Schock für uns alle. Besonders als Verantwortungsträger für den Zug, der nicht nur das ganze Jahr plant, sondern tatsächlich auch persönlich dafür haftet. Das Ermittlungsverfahren, welches damals nach diesem tödlichen Unfall gegen den ehemaligen Zugleiter Alexander von Chiari eingeleitet wurde, ist bis heute noch nicht geschlossen.

Das zeigt welche Dimensionen so etwas hat und mit welchen Dingen man sich auseinandersetzen muss. Wenn man dann nur acht Tage später von einem solchen Unglück hört… Nicht auszudenken, was dann passiert wäre.

CityNEWS: Waren sie sauer als sie davon hörten?

Christoph Kuckelkorn: Ja. Und ich bin auch jetzt noch sauer, wenn man hört, dass letztendlich niemand die Verantwortung dafür übernehmen will. Es verärgert mich sehr, wenn ich höre, dass besonders ein Politiker sich aller Verantwortung entzieht und insgesamt so leichtsinnig mit einer solchen Baustelle umgegangen wird. Für mich ist es auch dieses Jahr nicht ausgestanden und wir werden alle mit einem sehr mulmigen Gefühl in den Zug gehen, denn wir müssen ja wieder über die Severinsstraße. Nicht genau über diese Stelle, aber wer weiß, was sich da unten noch so alles abspielt.

Da kann man nur hoffen, dass die Bauaufsicht nun dreimal so gut aufpasst, denn wir stellen uns am Chlodwigplatz auf, wir gehen die Bonner Straße entlang, im Prinzip bewegen wir uns also zu 40 Prozent des gesamten Zugweges auf irgendwelchen Baustellen. Sicherheit geht uns über alles und wir hätten keine Scheu, den Zug abzusagen oder Alternativen zu suchen, könnte man nicht dafür garantieren, dass so etwas nicht mehr passiert.

Christoph Kuckelkorn: “Alles beruht auf ehrenamtlicher Arbeit und ist völlig ohne wirtschaftliches Interesse.”

CityNEWS: Karneval ist ja auch ein Finanzthema für die Stadt. Was bedeutet der Wirtschaftsfaktor Karneval für Köln?

Christoph Kuckelkorn: Karneval ist ein Projekt bei dem es um 5000 Arbeitsplätze geht, die langfristig gesichert werden. Es ist fast eine halbe Milliarde Euro Umsatz, den wir der Stadt bescheren. Für mich ist vor allen Dingen wichtig, dass es in erster Linie Ehrenämtler sind, die hier arbeiten.

Karneval ist keine Profiveranstaltung wie der Fußball, wo viel Geld gemacht wird und es Eventfirmen gibt, die das stemmen. Wir sind alles Ehrenamtler und stemmen das gemeinsam ohne einen Euro zu verdienen. Alles beruht auf ehrenamtlicher Arbeit und ist völlig ohne wirtschaftliches Interesse. Das ist es, was Köln so ganz speziell macht.

CityNEWS: Was bedeutet ihnen Beiden eigentlich Köln?

Christoph Kuckelkorn: Für mich ist Köln der Mittelpunkt. Für mein Leben, aber auch geographisch. Wie eine ganz dicke Nadel, die im Globus steckt, und an der ich mich orientieren kann. Mein Mittelpunkt der Welt, meine Heimat und meine Überzeugung durch und durch.

Cassia Kuckelkorn: Da sind meine Wurzeln. Das ist wie eine Mutter, wie ein Vater. Ich liebe Köln! Wenn Sie mir anbieten würden, ein Penthouse in New York zu beziehen – ich würde hier bleiben wollen. Ganz einfach auch, weil die Menschen total klasse sind.

Cassia Kuckelkorn: “Wow, das ist Köln …”

CityNEWS: Was gefällt Ihnen, und was gefällt Ihnen nicht an Köln?

Christoph Kuckelkorn: An Köln gefallen mir die Menschen und besonders deren Lebensweise. Die Mentalität – auch wenn man die von außen manchmal nicht so richtig versteht. Wo die Menschen zusammenkommen, da sind sie offen, da sind sie freundlich. Man ist schnell beim Du und das ist das was Köln bezeichnet und ausmacht.

Was mir an nicht so gefällt ist, dass viel verdrängt wird, viel verschoben und verdeckt. Da sind wir dann auch schnell wieder bei der Politik. Da muss dringend Erneuerung hin, da muss eine Mehrheitsregierung in den Rat, da muss auch ein Oberbürgermeister dahinterstehen, der stringent Ziele verfolgt, auch wenn es zuerst einmal nicht allen so schmeckt. Und das fehlt der Stadt glaube ich ein wenig.

Cassia Kuckelkorn: Was ich nicht gut finde an Köln, ist, dass man sich hier in der Politik offenbar verpflichtet fühlt “B” zu sagen, wenn der Andere “A” sagte. Viel sinnvoller wäre es doch, wenn alle im Sinne der Sache an einem Strang ziehen würden. Das behindert Köln in seiner Entwicklung. Es sind nicht die Menschen, die das machen, sondern die Politiker und es ist ganz schlimm, dass in Köln Leute an Verwaltungs- und Schlüsselpositionen sitzen, die offenbar gar keine Ahnung haben, sich aber über ein gutes Gehalt freuen dürfen. Da behindert jeder den Anderen, weil er sich dazu verpflichtet fühlt.

Eine Stadt wird ausgezeichnet durch ihre Gebäude, ihre Menschen und was sie daraus machen. Der Dom ist für mich immer noch der zentrale Punkt, vor dem ich auch jetzt noch immer wieder stehen kann und sagen “Wow, das ist Köln …”.

Die Menschen sind unheimlich weltoffen und nehmen jeden gerne auf. Köln schottet sich nicht ab. Besonders auch auf die Aktionen, die gegen Rechtsradikalismus stattgefunden haben, die wieder gezeigt haben, welche Einigkeit doch eigentlich durch diese Stadt geht. Es ist schön zu spüren, dass es hier so etwas gibt. Köln könnte die Welthauptstadt sein, wenn nur alle zusammenhalten würden.