Pornosucht: Wenn „normaler“ Sex nichts mehr bringt und Pornos zur Droge werden

Pornosucht: Wenn normaler Sex nichts mehr bringt - copyright: pixabay.com
Pornosucht: Wenn normaler Sex nichts mehr bringt
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Pornosucht: Immer mehr und immer jüngere Menschen können sich den kostenlosen Sex-Filmen dank Internet und Smartphone nicht entziehen. So wie Thorsten. „Ich bin mittendrin und kenne den Ausweg nicht.“ Thorsten sitzt verloren in einem für ihn viel zu großen Sofa, scheint fast darin zu versinken. „Es heißt doch, dass es ganz einfach wird, wenn man sich erst einmal über sein Problem bewusst wird. Wenn man es annimmt, soll die Lösung von alleine kommen. In meinem Fall sehe ich keine Lösung.“

Während er spricht, gleitet sein Blick suchend durch den Raum, um endlich in den vor dem Fenster tanzenden Baumwipfeln Halt zu finden. 23 Jahre ist er und gut aussehend. Seine Augen sind von einem klaren grün, die Haare blond gesträhnt, die Haut leicht gebräunt. Thorsten spielt Fußball, ist gut trainiert und überall sehr beliebt. Es fällt schwer zu glauben, dass er keine Freundin hat. Dabei gibt es Frauen in seinem Leben. Sehr viele sogar. Die kurzweiligen, schnell wechselnden Beziehungen waren gute Nahrung für Thorstens Ruf als Schwerenöter und sorgten dafür, dass die Schar an umgarnenden jungen Frauen nicht dünner wurde. „Warum die Beziehungen nicht hielten, danach hat niemand gefragt. Und selbst wenn, wahrscheinlich hätte es keinen Unterschied gemacht.“

Thorsten ist süchtig nach Sex. Was soll schlimm daran sein, fragt man sich unweigerlich. Ist Sexualität nicht eines der menschlichen Grundbedürfnisse? Und ist nicht normal für einen jungen Mann, diesem Bedürfnis so oft es ihm möglich nachzukommen? Für Jungen zwischen 16 und 15 dreht sich doch alles nur um Sex, oder?

Sicher wird Thorsten keine Mühen haben, Partnerinnen für die Befriedigungen seines Verlangens zu finden. Und doch liegt genau hier sein Problem. Denn Thorsten ist nicht süchtig nach zwischenmenschlicher Sexualität. Seine Sucht, sein Verlangen richtet sich an eine Projektion; Interaktion überfordert ihn, mit Wünschen der Partnerin kann er nicht umgehen. Thorsten ist pornosüchtig. Nur durch Sex vor dem Bildschirm – ob Computer oder Fernsehen – kann er sich fallen lassen und genießen, eintauchen in die vorgespielte und verpixelte Lust, präsentiert von professionellen Darstellern.

Pornosucht ist eine schleichende Droge

Pornosucht ist eine schleichende Droge - copyright: pixabay.com
Pornosucht ist eine schleichende Droge
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Pornosucht wird auch die schleichende Droge genannt. Eine Bezeichnung, der Thorsten nur zustimmen kann. 15 Jahre war er, als er das erste mal einen Porno gesehen hatte. Der Internetkanal YouPorn, dessen bei Google Deutschland vorliegenden Suchanfragen monatlich an die 2,5 Millionen grenzen (die Zahlen umfassen nicht das direkte Eingeben der Internetseite), war noch jung auf dem Markt der Online-Pornographie und machte sich schnell einen Namen im Internet.


Die Möglichkeit, sich online anonym und unverfänglich pornographische Darstellungen anzuschauen, ist speziell für Jugendliche interessant. Neugierig auf alles Neues, insbesondere auf das sich öffnende Feld der Sexualität, wird die Möglichkeit des anonymen Erfahrens / Lernens gerne wahrgenommen, denn nur ungern möchte man sich mit seinen Fragen an Erwachsenen wenden.

Internet und Smartphones sorgen für schnelle und kostenlose Verbreitung 

Internet und Smartphones sorgen für schnelle und kostenlose Verbreitung (Symbolbild) - copyright: pixabay.com
Internet und Smartphones sorgen für schnelle und kostenlose Verbreitung (Symbolbild)
copyright: pixabay.com

Im Internet ist der Zugang zu Pornos dermaßen einfach – und zudem noch kostenfrei -, dass sich sogar Kinder entsprechende Filme anschauen können. Gerne wird das Gesehene mit Freunden geteilt, als Link verschickt oder mittels Smartphones zum Beispiel per WhatsApp auf dem Schulhof angesehen. Dabei wird gekichert und gegackert. Umso absonderlicher die dargestellten Praktiken, desto mehr Aufmerksamkeit, ergo Bewunderung der Klassenkameraden, kann man sich als „Entdecker“ des Streifens sicher sein.

So war es auch in Thorstens Fall. In der Schule wurde ein Pornovideo auf dem Handy rumgereicht. „Wo hast Du das her?“, grölten Jungen wie Mädchen gleichermaßen. „Von YouPorn war das Video“, erinnert sich Thorsten, der direkt zu Hause in seinem Zimmer die Seite aufrief. Was sich ihm öffnete war eine für ihn bis dato völlig unbekannte Welt.

Nicht, dass er ein Spätzünder gewesen wäre. Mit 15 hätte Thorsten durchaus eine Freundin haben können. Wie gesagt, waren die Nachfragen da. Doch Thorsten vertrieb sich seine Freizeit lieber mit Fußball als mit Mädchen, traf nach Schulschluss mit Kumpels aus der Nachbarschaft fast ausschließlich auf dem Bolzplatz oder ging zum Training. Für Frauen war keine Zeit. Durchaus aber blieb Zeit genug, sich nach Schulschluss oder vor dem Zubettgehen Pornos anzusehen. „Ich sammelte sexuelle Erfahrungen vor dem Computer“, erzählt Thorsten. „Obwohl ich noch Jungfrau war, wusste ich alles über Blowjobs und Analsex sowie über andere gängige bis exotische Stellungen.“

„Sex mit normalen Mädchen ist vorhersehbar und frustrierend für mich.“

"Normalen" Sex konnte Thorsten nichts abgewinnen. - copyright: pixabay.com
„Normalen“ Sex konnte Thorsten nichts abgewinnen.
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Mit dem Konsum von Pornos im Internet veränderte sich Thorstens Wahrnehmung auf die Mädchen in seinem Umfeld, die plötzlich interessant wurden. Doch die real gesammelten sexuellen Erfahrungen hatten nichts mit den virtuellen zu tun – und gaben ihm auch nicht die Befriedigung, die er von den Internetvideos kannte. „Normalen“ Sex konnte Thorsten nichts abgewinnen. „Sex mit Mädchen aus meinem Alter war langweilig und vorhersehbar. Die Mädchen, mit denen ich schlief, waren im Vergleich zu mir unerfahren, auch wenn sie faktisch mit mehreren Partnern geschlafen hatten. In bestimmten Stellungen genierten sie sich, führten gewisse Praktiken nicht schnell genug aus. Für mich waren sie unreif und meist bereits während des ersten Sex uninteressant.“

Auch ältere Partnerinnen vermochten Thorstens Verlangen nicht zu stillen. Im Gegenteil: Zwar wussten sie, was sie taten, waren unbefangener und selbstbewusster in ihren Bewegungen, hielten jedoch auch ihre Wünsche nicht versteckt. „Das kannte ich von den Pornos her nicht“, gibt Thorsten zu. „Die Frauen tun meist unaufgefordert das, was der Mann wünscht. Dabei ist es genau das, was sie selber wollen. Sie kommen zum Orgasmus, während sie den Mann befriedigen.“ Im wahren Leben ist der weibliche Höhepunkt oftmals nicht so schnell zu erreichen und bedarf mehr Aufmerksamkeit als es Thorsten gewillt und gewöhnt war. Nicht selten sprachen seine älteren Partnerinnen unverhohlen an, dass sie nicht befriedigt waren – ein Umstand, der Thorsten verunsicherte und dafür sorgte, dass er sich zunehmend auf sein Online-Sexualleben konzentrierte.

Als Online-Pornos nicht mehr ausreichten

Als Online-Pornos nicht mehr ausreichten - copyright: pixabay.com
Als Online-Pornos nicht mehr ausreichten
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Im Alter von 20 Jahren konsumierte er täglich mehrere Stunden online Pornos, parallel dazu wurden seine wirklichen Treffen mit Freunden weniger. Erst als er das Fußballspielen vernachlässigte wurden seine Eltern hellhörig. Es dauerte noch mal zwei Jahre bis sich Thorsten ihnen öffnen konnte: „Online-Pornos reichten mir irgendwann nicht mehr und ich begann mich zusätzlich mit Sex-Hotlines zu stimulieren. Die höhere Telefonrechnung blieb meinen Eltern nicht unbemerkt und ich musste ihnen die Wahrheit sagen.“


Im Endeffekt war es Thorstens Glück, dass seine Pornosucht finanzielle Auswirkungen hatte. Sonst wäre sein Verhalten eventuell nicht von seinen Eltern als gefährlich eingestuft worden. Denn mit dem reinen Konsum von Internetpornos, die frei zugänglich und kostenfrei sind, schadet man auf den ersten Blick keinen – eben nur sich selbst.

Pornosucht beginnt immer früher

Pornosucht beginnt immer früher - copyright: pixabay.com
Pornosucht beginnt immer früher
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„Ich bin 23 Jahre und nicht in der Lage, eine Partnerschaft zu führen, geschweige denn auf normalen Wege mit einer Frau zu schlafen. Ich habe erkannt, dass ich ein Problem habe, dass ich süchtig bin, weiß aber nicht, wie ich da heraus komme. Online-Pornografie ist alles was ich kann und weiß.“

So wie Thorsten geht es eine wachsende Anzahl von Jugendlichen. Immer früher werden erste sexuelle Erfahrungen gesammelt. Bereits Drittklässler haben Sex-Bilder auf ihren Handys, die bereitwillig geteilt und getauscht werden. Was das für Auswirkungen haben kann, zeigte die Dokumentation „Deutschlands sexuelle Tragödie„, deren zwölf Einzelfälle schilderten, wie sich früher Konsum von Pornografie auf ihre sexuelle Verhaltensweise auswirkte. Immer härteren Sex mit schnell wechselnden Partnern scheint der normale Beziehungszustand für betroffene Jugendliche zu sein. Ein Ausweg aus dem Gefühlsgarten, der keine echten Emotionen aufblühen lässt, ist den meisten Kindern nicht bekannt. Zumindest aber Thorsten sucht danach.

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