Portrait
Der große Grantler aus Franken - Regisseur Hans W. Geißendörfer wird 70 Jahre alt
Köln. Der Alt-68er schrieb mit Lindenstraße Fernsehgeschichte. Als pflegeleicht und mediengeschmeidig gilt Hans W. Geißendörfer nun wirklich nicht. Das bekam zuletzt Moderatorin Christine Westermann (Zimmer frei) bei der Aufzeichnung der Langen ARD-Kultnacht zum 25. Geburtstag von Geißendörfers Lindenstraße zu spüren.
Dort machte der Regisseur und Produzent seinem Ruf als fränkischer Grantler alle Ehre, indem er der verdutzten Journalistin bescheinigte, ihm dumme Fragen zu stellen. Das ist aber nur eine Seite des gebürtigen Augsburgers, der am Mittwoch (6. April) 70 Jahre alt wird. Freunde und Weggefährten schildern Geißendörfer als warmherzig und loyal. Er selbst meint: «In den vergangenen 25 Jahren habe ich gelernt, auch mal auf die besseren Argumente zu hören.»
Fernweh und künstlerisches Talent
Eine Filmhochschule hat Hans Wilhelm Geißendörfer nie besucht. Vor kurzem verriet er in der rbb-Talkshow von Jörg Thadeusz, dass sein Vorname Hans gar nicht in seinem Pass stehe und er diesen zu Ehren seines im Krieg gefallenen Vaters trage. Schon als 14-Jähriger büxte der in Franken aufgewachsen Junge von zu Hause aus und trampte bis nach Griechenland. Später lernte er Afrikaans und Russisch sprechen, ebenso wie Saxofon, Klarinette und Gitarre spielen.
Nach dem Abitur studierte er bis 1967 in Erlangen, Marburg, Zürich und Wien querbeet Germanistik, Philosophie, Theaterwissenschaft, Psychologie und Politische Wissenschaften, legte aber kein Examen ab.
Seine Liebe zum Film entdeckte er durch ein Mädchen aus einer Cineasten-Clique, wie er einmal der «Zeit» verriet. Als sie drohte, ihn zu verlassen, habe er sich gesagt: «Na gut, bevor ich sie verliere, mach ich lieber einen Film.» Den drehte er in der Türkei über die Kurden. «Zu Hause habe ich ihn mit Uhu zusammengeklebt», erklärte Geißendörfer. Die Profis beim Hessischen Rundfunk hätten sich über den Film «kaputtgelacht», ihn aber trotzdem gekauft.
Ende der 60er Jahre wurde er Regieassistent des Amerikaners George Moorse, der später zahlreiche Folgen der «Lindenstraße» drehen sollte. 1971 gehörte Geißendörfer dann zu den Mitbegründern des avantgardistischen und politisch engagierten «Filmverlages der Autoren».
Einen Namen machte er sich später mit Literaturverfilmungen wie «Die Wildente» (1976), «Theodor Chindler» (1978/1979) oder «Die gläserne Zelle» (1977), wofür er nicht nur das Filmband in Gold erhielt, sondern auch als erster deutscher Film seit 20 Jahren für den Oscar nominiert wurde.
Mit der Lindenstraße deutsche Fernsehgeschichte geschrieben
Da scheint es schon leicht absurd, dass der engagierte «68er» ausgerechnet mit einer wöchentlichen Dauerserie Fernsehgeschichte schrieb. Seit 1978 ist Geißendörfer mit einer Britin verheiratet und kannte daher die britische Endlos-Serie «Coronation Street». Sie stand Pate für die «Lindenstraße», die seit dem 5. Dezember 1985 allwöchentlich den Alltag der Bewohner eines Münchner Vororts zeigt. Als Produzent und Chefautor hält Geißendörfer bis heute die Fäden der «Lindenstraße» in der Hand.
Das größte Lob für ihn sei, dass zwölf Schauspieler der ersten Folge immer noch dabei sind, betont er heute. Weitere 25 Jahre «Lindenstraße» - wie bei der 'Coronation Street' - sind für ihn nicht ausgeschlossen.
Parallel dazu arbeitet Geißendörfer weiter an eigenen Spielfilmen. Vor einem Monat kam die Liebesgeschichte «In der Welt habt ihr Angst» mit Anna Maria Mühe und Max von Thun in die Kinos. Die Hauptrolle in dem Drogendrama hatte Geißendörfer Anna Maria Mühe auf dem Leib geschrieben. Ihr bescherte der erfahrene Kinoregisseur hochdramatische Auftritte und handwerklich bis ins Detail überzeugend inszenierte Szenen.
(Redaktion/ dapd)
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